J.RangnickVerlag
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Romane - Leseproben

Leseprobe: Alte Kameraden
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman



Drei Sonnen
Wärme. Er spürte die Wärme, die wie ein Lebewesen an seinem Schenkel herab rann. Das tat gut. Es war kalt auf dem Boden, obwohl die Sonne noch warme Strahlen sandte.
Die Sonne? Drei Sonnen schwebten über ihm, zwei kleine gelbe und eine größere weiße. Pulsierten, dehnten sich zu riesigen Glutbällen aus und verschmolzen im nächsten Lidschlag zu einem grellen Weiß, das auf der Netzhaut wie Feuer brannte.
Wenn er seinen Kopf bewegte, wanderte der weiße Sonnenkern sofort mit, als säße er im Auge. Die Corona hingegen eilte erst zeitversetzt nach, wie ein verspielter Mückenschwarm und veränderte dabei ihre Form in einer derartigen Geschwindigkeit, dass ihm schwindelte.
Weiche, ringförmige Solarisationen wechselten mit gefährlich zackigen Gebilden, die gleich darauf in Millionen winziger Kugeln zerplatzten, scheinbar nur, um sich im nächsten Augenblick zu einem wabernden Oval zu vereinen, das sich von hellem Türkis in tiefes Violett verwandelte. Ein leuchtendes Chamäleon am Himmel, das blinkendes Metall ausspuckte?
Woher mochten die Stimmen kommen?
Das laute Gelächter?
Händeklatschen?
Vergeblich starrte er in den schwarzen Raum zwischen den Sonnen, die sich wieder getrennt hatten und nun in giftig-grellem Grün blendeten.
Nur ein wenig die Arme heben und er würde hinauf zu den Sonnen schweben. Er fühlte auch, wie es funktionierte, aber nahe bei den Sonnen begann seine Haut zu glühen, dass er nach Wasser brüllte und wieder hinunter auf den Boden stürzte, zurück in die Kälte und Dunkelheit.
Dort lag er, reglos, und starrte hinauf, und die Sonnen brannten auf seinen Netzhäuten, brannten in seinem Schädel, bis der Schmerz ihn stöhnen ließ. Oder war es das Feuer, das auf seiner Haut tobte? Jedes Haar, jede Pore ein Vulkan. Und aus allen quollen Lavaströme, blutrot, mit schwarzen Krusten, die aufbrachen und Schreie befreiten. Töne, in Sequenzen des Irrsinns.
Es schüttelte ihn wie wirbelndes Laub in eisigem Sturm und presste ihn auf den Boden.
Mit aufgerissenen Augenlidern starrte er in das Nichts, bis es ihn verschlang und wieder in die vernichtende Hitze der Sonnen trieb.
Apathisch lag er auf dem feuchten Boden, nur den Kopf in einer breiten Fuge der groben Mauersteine gestützt.
In unregelmäßigen Abständen hob sich sein rechter Unterarm und führte in einer schlingernden Bewegung die Kunststoffflasche an seine Lippen.
Das schien mechanisch zu geschehen, ebenso, wie der Unterarm nach dem Ende der Aufwärtsbewegung wieder zurück sank und zum Abschluss dieses nutzlosen Tuns - die Flasche war schon seit Tagen leer - pressten die Finger den Kunststoff mit erstaunlicher Kraft zusammen.
Das Knistern klang wie ein Aufschrei. Er selbst konnte nicht mehr schreien, seine Stimmbänder schienen verdorrt und seine Zunge lag schwer wie aufgequollenes Schwemmholz in trockenem Sand. Den pochenden Schmerz der geschundenen Hände nahm er ebenso wenig wahr, wie den trommelnden Puls. Sein Gehirn glich einem elektrischen Schaltkasten, in dem Wasserdampf ständig neue Kurzschlüsse verursachte. Was tat er hier?
Er?
Kurze Momente lang huschten bewusste Gedanken durch seinen Kopf.
Was war das hier?
Zeit?
Aber er konnte diese Fetzen nicht halten, zu kurz waren sie, rasten wieder davon, noch ehe er sie fassen konnte.
Die Sonnen, sie glühten wieder auf, so grell wie noch nie. Blähten den schwarzen Raum an die Ränder des Kosmos, glitten ineinander zu einem mächtigen, schmerzenden Weiß ... und erloschen in einem langgezogenen Schrei, der aus der Tiefe der Hölle kam.

Im Loch
Der Mann lag auf dem Boden, den Kopf nach oben gerichtet, in eine Fuge des groben Mauerwerks gelehnt. Oben, das war neun Meter höher, wo die Besucher dicht gedrängt um die achteckige Holzbrüstung standen und durch das Loch im Fußboden hinunter in das nur schwach beleuchtete Verlies starrten. Manche meinten, dass es nur eine Puppe wäre, eine Marionette vielleicht oder mit einem Motor darin, so wie sie in Schaufenstern standen. Aber diejenigen, die erlebt hatten wie er hüpfte, brüllte und wie von Sinnen mit den Armen fuchtelte, übertrumpften die Ungläubigen und trugen die Botschaft hinaus in die Stadt: Im Verlies sitzt einer.
Einige behaupteten sogar, ihnen wäre das wirre Leuchten der Augen aufgefallen und sie sprachen mit Achtung vor der schauspielerischen Leistung und der tollen Idee der Museumsleute. Viel intensiver als Erzählungen, meinten wieder andere, rege die eindringliche Demonstration zur Vorstellung an, wie es im dunklen Mittelalter wohl den Eingekerkerten ergangen sei. Und so persönlich wäre das, wenn man gesehen hätte, wie er da unten lag, so real und nicht nur wie eine anonyme Nachrichtenmeldung. Mitfühlen könne man da so richtig, egal was er auch angestellt haben mochte.
Seit Donnerstagmorgen lief die Vorstellung. Manchmal war er wie wild auf den Beinen, drohte, machte obszöne Gesten, hämmerte gegen die eiserne Tür, brüllte und versuchte an der Mauer hinaufzuklettern. Lustig sah das aus, weil er nicht viel höher als einen Meter kam.
Dann haute es ihn wieder zurück auf den Boden, und die Besucher applaudierten und warfen Münzen, manchmal segelte sogar ein Schein nach unten. Meist lag er aber nur da, nahe an die Mauer geschmiegt und die Besucher waren enttäuscht und beschwerten sich. Die Aufseher zuckten dann mit den Schultern und meinten, schließlich sei das kein Zirkus und mehr kosten als den normalen Eintritt würde es ja auch nicht.
Unter den Besuchern herrschte eine eher selten zu beobachtende Nähe. Sie unterhielten sich, klärten sich gegenseitig auf, wie das war im Mittelalter und welche Kerker und Folterkammern es in ihren Heimatorten gab. Und wo und wie oft man am Bodensee schon Urlaub machte, und sie tauschten Tipps über Wanderrouten, Restaurants und Geschäfte aus, in denen man freundlich bedient würde.
Einige taten sich besonders hervor, spielten den Gruppenclown und riefen ins Verlies hinunter: Wie viel haste noch? Was hast'n ausgefressen Kumpel? Haste dem Bischof seine Alte? Warum sogst nix? Wie ein Lauffeuer sprach sich die Attraktion herum, und als die Zeitungen darüber schrieben und der regionale Fernsehkanal einen Bericht ausgestrahlt hatte, wurde die Meersburg am Freitag, Samstag und Sonntag von einer Menschenmenge gestürmt, wie es selbst langjährige Mitarbeiter noch nicht erlebt hatten.
Der Spuk endete am Montagvormittag, kurz nachdem Museumsdirektor Günther Wohlraab, zurück aus Berlin, pünktlich um 9.55 Uhr mit der Lufthansamaschine in Friedrichshafen gelandet war. Er hatte angenehme Tage hinter sich und das nicht nur ...

Alte Kameraden
Alte Kameraden Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman
350 Seiten
ISBN 97839809889-5-7
LVP 12,00 €

Leseprobe: Sonniger Herbst
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman



Freiflug
Nach Hilfe zu rufen, daran dachte er nicht einen Moment lang. Nicht nur, weil es ihm sinnlos erschien oder er sich als keifender Greis in einem Rollstuhl lächerlich vorkam - er empfand den Mann, der ihn vermutlich in den nächsten Minuten umbringen würde, eher als Erfüllungshelfer seines Abgangs von dieser Welt, so wie er ihn sich in den vergangenen Monaten häufig vorgestellt hatte.
Eine große Ruhe überkam ihn. Gut, ein paar Details hatte er sich anders ausgemalt. Zum Beispiel fehlten die letzte Zigarre und einige Gläschen eines alten Armagnacs oder Cognacs, auch ein Obstler hätte es zur Not sein können. Und dann natürlich das wesentlichste Detail, nämlich die Arme auszubreiten und weit hinunter zu segeln wie ein Adler.
Aber, ging es ihm durch den Kopf, auch die schätzungsweise dreißig Meter würden genügen und die Zigarre und der Alkohol hätten ihm ohnehin nicht gut getan.
Bedauerlich war, dass Maximilian durch diesen Überfall vermutlich Probleme bekommen würde, aber daran war wohl nichts mehr zu ändern. Gegen diesen Menschen, der ihn wie eine Puppe von der Decke aufgehoben und in den Rollstuhl gesetzt hatte, fühlte er sich wie eine Schildkröte.
Schön, dass du so vernünftig bist, keuchte der Mann hinter ihm. Vernunft?, dachte Steurer und überlegte, welcher Gegend der Akzent zuzuordnen sei. Irgendwo aus Jugoslawien, Slowenien vielleicht?
Entschuldige, aber es muss sein, hörte er, kurz bevor er zu schweben begann. Ein höflicher Killer, lächelte Steurer und breitete die Arme aus. Nun war es beinahe so wie in seiner Vorstellung, auch ohne Schnaps und Zigarre.
Aber daran dachte er nur kurz, denn in seinem Kopf lief jenes Phänomen ab, von dem manche Menschen erzählten, die eine bedrohliche Situation überlebt hatten. Bilder jagten durch seinen Kopf, berauschend schnell und trotzdem erstaunlich detailliert. Die Mutter umarmte ihn und er roch die Appretur ihrer Bluse und den zarten Duft von Jasmin. Er spürte Vaters Hand an seinem Bauch und erlebte noch einmal das warme Gefühl von Vertrauen und Sicherheit, obwohl das Wasser bei seinem ersten Schwimmversuch kalt und tückisch schien.
Die Brandwunden an der Hand vom verbotenen Lagerfeuer, die erste Lüge, der Diebstahl von Mutters Rabattmarkenheften, Lydia, die erste Liebe, der Unfall mit dem Motorroller, eine Wanderung mit Annegret und dann die Heirat.
Er sah nach innen, trotz der offenen Augen, und ihm schien, als würde er ganz langsam nach unten schweben, während im Zeitraffer sein Leben durch den Kopf jagte. Die Fehlgeburten Annegrets und ihre tiefe Traurigkeit, die darauf folgte, nur auf den Wanderungen war kurz ihr Lächeln zurückgekehrt. Immer kleiner wurde sie, bis nichts mehr von ihr übrig war, was man Leben nennen konnte. Dann ging sie einfach und ließ ihn zurück, obwohl er sie immer noch zärtlich geliebt hatte. Vielleicht würde er sie ja gleich treffen. Das feine Gesicht berühren können, in die unergründlichen Augen sehen, vielleicht auch wieder ihr Lachen hören, vielleicht ...

Kriminalroman Sonniger Herbst
Sonniger Herbst
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman
450 Seiten
ISBN 978-3-9809889-4-0
LVP 12,60 €

Leseprobe: Viren-Mafia
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman


Wolkenloser, blauer Himmel und die klare Luft erlaubten einen weiten Blick auf die Allgäuer Hügel und die Berge, die sich im Hintergrund wie eine Trutzmauer gegen die Welt auftürmten. Ein sonniger, milder Oktobertag.
Nicht nur auf Walchers Hof sang das Sägeblatt. In unterschiedlichen Abständen antworteten, näher oder weiter entfernt, schrille Heuler, so als erzählten sich die Sägen untereinander Geschichten, vielleicht über die Holzarten, die sie zerteilten, oder die Dicke der Äste oder mit welch hoher Drehzahl sie singen konnten … vielleicht.
Walcher liebte es, eigenhändig Holz für den Winter zu machen. Archaische Vorratshaltung nannte er das, obwohl er den Wohnteil des Hofes hauptsächlich mit Warmwasser aus dem Kühlkreislauf des Diesels beheizte, der in der ehemaligen Milchküche mit Pflanzenöl gespeist immer dann ansprang, wenn die Raumtemperatur unter achtzehn Grad absank. Den Kachelofen im Wohnzimmer und den Herd in der Küche beheizte Walcher als zusätzliche Wärmequellen, weil diese Art der Wärme und der Holzgeruch auch die Seele erwärmten, wie er fand.
Der Duft des geschnittenen Holzes, der anwachsende Haufen ofengerechter Scheite, die Arbeit an der Luft vor solch einem prächtigen Panorama - Walcher fühlte sich gut wie seit langem nicht mehr. Er freute sich schon auf den Anblick der aufgeschichteten Scheite an der Hauswand, mit denen er die Bresche, die der vergangene Winter geschlagen hatte, wieder zu einer durchgängigen Holzmauer schließen würde.
Der Kater Bärendreck, so von Walcher genannt, weil er nach regelmäßigen Wälzorgien in frisch ausgebrachter Gülle fürchterlich stank, hatte sich ebenso verzogen wie Rolli, der Labrador. Vermutlich fügte der schrille Ton des Sägeblatts ihren empfindlichen Ohren Schmerzen zu.
Walcher zuckte heftig zusammen, als er an der Schulter berührt wurde. Konzentriert auf seine Arbeit hatte er das Auto des Kurierdienstes weder gesehen noch gehört. Während seiner hektischen Drehung registrierte er das Kurierauto und stand deshalb dem Kurier bereits wieder gelassen gegenüber, locker und lächelnd. Den Adrenalinausstoß würde er an den Holzstämmen wieder abbauen können, dachte er.
Der Kurier hielt ihm ein großes, graues Kuvert entgegen. Walcher schaltete erst die Säge aus, was dazu führte, dass sich der Hund aus dem Haus traute, um den Besucher freundlich zu begrüßen. Dann kritzelte Walcher seine Unterschrift auf die Schreibfläche des Minicomputers, den ihm der Kurier auffordernd drängend hinhielt und fragte: Einen Obstler vielleicht?
Auf abgelegenen Höfen war es im Allgäu durchaus immer noch üblich, dem Postboten einen Schnaps anzubieten, den älteren jedenfalls. Aber auch solche Gewohnheiten veränderten sich. Der junge Mann sah Walcher an, als hätte der ihm Prügel angedroht, schüttelte nur den Kopf, stieg wortlos in sein gelbes Auto und brauste davon.
Nachdem Walcher den Absender gelesen hatte, legte er das Kuvert in den Hauseingang. Keine Werbung und auch keine Sendung von einem der Verlage, für die Walcher schrieb. Dann konnte es auch bis zum Abend warten, dachte er, nutzte die Unterbrechung für einen Schluck Bier, jagte danach die Säge auf Drehzahlen und damit den Hund wieder zurück ins Haus.

Kriminalroman Viren-Mafia
Viren-Mafia
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman
452 Seiten
ISBN 978-3-98098893-3
LVP 12,60 €

Leseprobe: Frische Hühnchen
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman


Sie sah sich Ewa gegenüber, ihrer geistig behinderten Schwester, die sie traurig aus einem Auge anblickte, denn das andere war unter dunkel verfärbter, geschwollener Haut verborgen. Der Vater wurde immer gewalttätiger. Komm mit mir, rief Rodica, auch wenn es hier nicht viel besser ist, vielleicht ist das Leben ja so. Rodica streckte der Schwester die Hand entgegen und spürte den Druck warmer Finger. Aber der Druck wurde fester und fester und begann zu schmerzen und die Hand zerrte Rodica mit sich, heraus aus ihrem Traum in die Wirklichkeit.
Auf, du Schlampe, brüllte eine rohe Stimme, die unmöglich ihrer Schwester gehörte. Los, los, wir machen eine kleine Ausfahrt, zieh dein neues Zeug an, los, los.
Verschlafen zog sich Rodica bei Kerzenlicht ihre neuen Sachen an. Eine große Auswahl an Kleidern besaß sie ohnehin nicht. Die Tragetasche mit dem wenigen, das sie besaß, hatten sie ihr abgenommen, bis auf den Teddy, der steckte in ihrer Hosentasche.
Kurz nur, auf dem Weg zum Auto, konnte sie die klare Nachtluft einatmen und in den Himmel hinaufsehen. Er war schwarzblau und übersät mit funkelnden Sternen und sah genau so aus, wie das Gewölbe in der kleinen Seitenkapelle ihrer Dorfkirche bemalt war. Den Herrgott konnte sie aber nirgends entdecken. Der schlief wahrscheinlich, denn sonst hätte er dies alles nicht zugelassen, dachte Rodica.
Dann wurde sie zusammen mit zwei anderen Mädchen auf die Rückbank eines Autos gestoßen, und die Fahrt begann.
Rodica kannte die Mädchen nicht, hatte aber seit Tagen wieder und wieder ihre Schreie und ihr Weinen gehört. Sie nannten einander ihre Namen und fragten sich flüsternd, woher sie kamen und ob sie wüssten, warum sie so schlimm geschlagen wurden und was die Männer noch alles von ihnen wollten. Valeska und Doru gingen noch in die Grundschule, also waren sie noch jünger als sie selbst, dachte Rodica. Was war das, was ihnen hier zustieß? War so die Welt der Erwachsenen oder waren diese Männer jene bösen Räuber aus den Märchen, an die ausgerechnet sie geraten waren?
Die Mädchen schluchzten und weinten still, trotz der Wärme und Nähe, die sie einander gaben. Irgendwann schliefen sie ein, aber es war kein guter Schlaf. Oft schreckten sie auf, aus wirren Träumen und von Angst getrieben.

Kriminalroman Frische Hühnchen
Frische Hühnchen
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman
452 Seiten
ISBN 978-3-9809889-2-6
LVP 12,60 €

Leseprobe: Die Austräger
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman


... Die Raupen hatten wieder ihre Wanderung begonnen. Sehen konnte er sie nicht, aber spüren, wie sie sich unter seiner Haut bewegten, wie Wühlmäuse in ihren Gängen. Der Juckreiz, den sie dabei verursachten, würde ihn noch in den Wahnsinn treiben. Wahnsinn, ein Wort, das ihm nichts sagte. Zeit und Raum und die Erinnerung, sein Gehirn schwamm in einem milchigen Nebel, der nur selten aufriss und einen kurzen Blick auf Bilder freigab, die schon wieder verschwunden waren, noch bevor er sich erinnerte, was sie darstellten.
Seine Muskeln, seine Nerven zuckten, flimmerten und schüttelten ihn. Er wollte seinen Schmerz und seine Wut hinaus brüllen, hörte aber nur ein groteskes Röcheln aus seinem Hals, weil der arretierte Kiefer nicht erlaubte, den Mund aufzureißen und zu einem Schrei zu formen. Sein Schmerz trat stattdessen aus den Tränendrüsen, versickerte jedoch in der Augenbinde.
Unkontrollierbar steigerten sich die Zuckungen seiner Muskeln und übertrugen ihre Energie auf die blecherne Wanne, in der er lag. Wie eine Waschmaschine beim Schleudern mit dem Wäscheballen kämpft, zu vibrieren beginnt und sich über den Boden bewegt, so begann die Blechwanne samt Unterbau zu rattern und über den Fliesenboden zu wandern. Rohre, Schläuche und Kabel schlugen aneinander, das Blech einer Verkleidung löste sich und schlug scheppernd auf dem Boden auf.
David nahm den Einstich nicht wahr, auch nicht, dass sich die Verkrampfung löste. Er hörte auch nicht das kurze Aufheulen der Vakuumpumpe, die seine Ausscheidungen zusammen mit dem lauwarmen Wasser, mit dem er abgespritzt wurde, in das Abflussrohr saugte. Automatisch.
Bis sich wieder Löcher im milchigen Nebel seiner Wahrnehmung auftaten, würde er zwölf Stunden schweben, schweben und schweben …

Kriminalroman Die Austräger Der zweite Thriller aus dem Westallgäu:
Die Austräger
Autor: Joachim Rangnick
Kriminalroman
Paperback 308 Seiten
ISBN 3-9809889-1-0
LVP 9,80 €